Abo überall. Aber reicht's langsam?
Von Streaming bis Brillenabo: Immer mehr Firmen versuchen, aus einem einmaligen Kauf eine wiederkehrende Zahlung zu machen. Für Unternehmen ist das attraktiv. Für Nutzerinnen und Nutzer wird es schnell unübersichtlich.
Früher dachte man bei Abos vor allem an Netflix, Spotify oder das Fitnesscenter. Heute sieht das deutlich breiter aus. Software, Essensboxen, Premium-Mitgliedschaften, Brillenmodelle, Lieferangebote oder digitale Zusatzfunktionen: Das Abo rutscht in immer mehr Bereiche des Alltags.
Das ist kein Zufall. Ein Abo bringt Firmen planbare Einnahmen. Es verlängert die Kundenbeziehung. Und es verschiebt die Aufmerksamkeit weg vom einmaligen Preis hin zur monatlichen Gewöhnung. Genau deshalb lohnt es sich, die Entwicklung nicht nur als Konsumtrend zu sehen, sondern als Geschäftsmodell.
Das Problem ist nicht, dass es Abos gibt. Das Problem ist, dass viele Abos erst dann auffallen, wenn sie längst zur Gewohnheit geworden sind.
Warum das Thema gerade jetzt spannend ist
Neue Daten aus der Schweiz zeigen ziemlich klar, dass die Toleranz für Abo-Preise sinkt. Gleichzeitig zeigen internationale Studien, dass Nutzerinnen und Nutzer viel pragmatischer abonnieren, kündigen und wieder zurückkehren als früher. Für mich ist das die eigentliche Geschichte: Die Abo-Ökonomie wächst weiter, aber die Geduld der Menschen wächst nicht im gleichen Tempo.
Kündigungsbereitschaft in der Schweiz steigt
EY Schweiz zeigt für Streaming-Abos eine klare Gegenbewegung: Immer mehr Menschen haben bereits gekündigt oder planen es.
Quelle: EY Schweiz, «Decoding the Digital Home 2025», publiziert am 15. Dezember 2025.
Preisfrust und Wunsch nach Planbarkeit
Die gleiche Studie zeigt: Nicht nur die Kündigungsbereitschaft steigt. Auch das Bedürfnis nach fairen und stabilen Preisen wird klarer.
Quelle: EY Schweiz, Befragung von 1'000 Konsumentinnen und Konsumenten in der Schweiz.
Was Nutzerinnen von Abos heute erwarten
Die Mastercard-Studie von 2025 zeigt: Menschen sind nicht gegen Abos. Aber sie erwarten Flexibilität, faire Preise und einfache Kontrolle.
Quelle: Mastercard mit FT Strategies, Bericht «Subscription economy: Redefining relationships», 2025.
Das Abo ist längst nicht mehr nur ein Streaming-Thema
Die wissenschaftliche Studie Selling Subscriptions im American Economic Review vom Mai 2025 beschreibt genau diese Entwicklung. Dort geht es nicht nur um Medien oder Fitness. Genannt werden auch Software, Sicherheitsdienste, Konsumprodukte und Meal-Kits. Anders gesagt: Das Abo breitet sich über klassische Kategorien hinaus weiter aus.
Aus Sicht der Anbieter ist das logisch. Ein Abo macht Umsatz planbar. Es verlängert die Kundenbeziehung. Und es reduziert die Hürde für den ersten Kauf, weil aus einem grösseren Betrag plötzlich «nur noch CHF 9.90 pro Monat» wird.
Das Problem ist nicht das Abo. Das Problem ist die Trägheit.
Nicht jedes Abo ist schlecht. Viele sind sinnvoll. Ich habe selbst nichts gegen wiederkehrende Modelle, wenn Preis, Nutzen und Kündigung fair sind. Das Problem beginnt dort, wo das Modell auf Vergessen, Bequemlichkeit oder Reibung setzt.
Genau das macht die Studie Selling Subscriptions so interessant. Die Autoren zeigen, dass Kündigungsfriktionen die Umsätze von Anbietern im Schnitt ungefähr verdoppeln können, wenn die ursprüngliche Zahl der Abschlüsse gleich bleibt.
Ein Teil des Erfolgs von Abos basiert nicht nur auf Nutzen. Er basiert auch darauf, dass Menschen zu spät reagieren, nicht mehr genau wissen, was läuft, oder den Aufwand für eine Kündigung vor sich herschieben.
Firmen wollen Bindung. Nutzerinnen wollen Kontrolle.
Die Mastercard-Studie zeigt einen wichtigen Widerspruch. Menschen abonnieren eher, wenn sie wissen, dass sie wieder einfach rauskommen. Gleichzeitig kündigen und reaktivieren viele heute viel flexibler als früher. Die moderne Abo-Beziehung ist also nicht besonders loyal, sondern pragmatisch.
Das ist auch für die Schweiz relevant. Wer Preisaufschläge als unfair empfindet und gleichzeitig mehr Auswahl als je zuvor hat, prüft genauer, vergleicht schneller und trennt sich eher von Dingen, die nicht mehr klaren Nutzen liefern.
Was das für den Alltag bedeutet
Das eigentliche Risiko ist selten ein einzelnes grosses Abo. Es sind die vielen kleinen Entscheidungen, die nebeneinander weiterlaufen:
- ein Testmonat, der nie beendet wurde
- eine Premium-Funktion, die kaum genutzt wird
- eine Mitgliedschaft, die aus Gewohnheit aktiv bleibt
- ein Preisaufschlag, der zwar auffällt, aber nicht sofort Konsequenzen hat
- ein Zweitabo, das im Haushalt niemand mehr sauber auf dem Schirm hat
Genau dort entsteht Abo-Müdigkeit. Nicht weil alle Abos schlecht wären, sondern weil sie im Alltag zu wenig sichtbar sind.
Mein Fazit
Ich glaube nicht, dass die Abo-Welt kleiner wird. Eher das Gegenteil. Aber ich glaube, dass sich die Stimmung verändert. Immer mehr Firmen wollen wiederkehrende Einnahmen. Immer mehr Menschen schauen gleichzeitig genauer hin. Das ist kein Widerspruch, sondern die logische Reaktion auf Jahre voller Zusatzabos, Preisaufschläge und stiller Verlängerungen.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht mehr nur: «Will ich dieses Abo?»
Die bessere Frage ist: «Will ich es in drei Monaten immer noch zahlen, und merke ich überhaupt rechtzeitig, wenn nicht?»
Quellen
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